Auf dem LiteraturCamp Heidelberg (Foto: Julia Schönborn)

Wie Vortragsvideos verbinden können…

Sebastian Greiner Allgemein 0 Comments

Die Aufmerksamkeitsspanne im Internet wird immer kürzer. Lesen will keiner mehr. Daher sind Videos ganz groß im Kommen. Diese dürfen inzwischen aber auch nur noch kleine Schnippsel von weniger als einer Minute oder maximal drei Minuten sein… Das sind zumindest Meinungen, denen man immer wieder begegnet.

In diesem Zusammenhang kommt dann immer wieder die Frage auf, ob Liveübertragungen und Aufzeichnungen kompletter Vorträge uberhaupt sinnvoll seien.

Selbstverständlich erreicht man kein Millionenpublikum mit der Liveübertragung einer Konferenz zu einem Fachthema, oder dem Stream einer Podiumsdiskussion. Aber die Liveübertragung ermöglicht die direkte Teilnahme und Interaktion mit Menschen, die ansonsten von der jeweiligen Veranstaltung ausgeschlossen wären. Sei es, weil die Veranstaltung zu weit weg ist, oder sie aus familiären, zeitlichen oder krankheitsbedingten Gründen nicht anreisen können.

Daraus entstehende Videos werden auch nicht die Klickzahlen jugendlicher YouTube-Stars erreichen. Ob ein einstündiger Fachvortrag auf drei Minuten eingedampft und zusammengeschnitten, mehr Zuschauer bringt, dürfte auch zweifelhaft sein. Auf jeden Fall gehen Inhalte verloren. Die vollständige Aufzeichnung eines Vortrags bietet dem Speaker die Möglichkeit, seine Message weiter zu teilen. Auch ein längeres Video wird von Menschen, die am Thema interessiert sind, angeschaut und ist immer noch attraktiver als der komplette Vortrag in Textform.

Wie sehr Livestream und auch Aufzeichnung funktionieren können, hat das Literaturcamp in Heidelberg gezeigt: mehr als 50 Zuschauer haben über das gesamte Wochenende die Vorträge verfolgt und Feedback und Fragen über Twitter gegeben. Die meiste Zeit waren mehr Menschen im Stream als direkt in der jeweiligen Session. Im Anschluss wurden alle Vorträge auf YouTube gestellt. Hiervon profitierten sogar die Teilnehmer vor Ort, die sich zwischen verschiedenen, gleichzeitig laufenden Sessions entscheiden mussten und so im Nachgang die verpasste Session anschauen konnten.

Dass längere Vortragsvideos auch noch im Nachgang angeschaut werden, zeigt das Beispiel von Nora Hespers. Nora betreibt das Blog „Die Anachronistin“, in welchem sie die Geschichte ihres Großvaters, des NS-Widerstandskämpfers Theo Hespers erzählt. Nora hat viele Nachforschungen zu seiner Geschichte und Menschen, die mit ihm gemeinsam im Widerstand waren betrieben. Und zuletzt hat sie eine E-Mail der niederländischen Historikerin Myriam Everard bekommen, die Noras Vortragsvideo vom Literaturcamp gesehen hat. Frau Everard hat Nora zur Rolle von Selma Meyer in der Widerstandsgruppe ihres Großvaters geschrieben.

Was diese Kontaktaufnahme ausgelöst hat, schreibt Nora in ihrem Blog:

“Ich hab die Mail gelesen, während ich auf einem Platz in Köln den lauen Sommerabend genossen habe – und mich derbe laut gefreut. Ich meine, wie verrückt ist das? Da findet jemand zufällig meinen Vortrag auf YouTube – und kann mir plötzlich Informationen liefern, die ich selber nie gefunden hätte! Keine zwei Wochen später habe ich Myriam Everard im niederländischen Scheveningen getroffen – zusammen mit Elisabeth van Blankenstein, der Enkelin des Journalisten, der meinen Großvater mit dem britischen Geheimdienst bekannt machen wird. Wir saßen zu dritt im Cafe des Museums Beelden aan Zee und haben uns über unsere Recherchen ausgetauscht.”

Das ist ein besonders schönes Beispiel, wie Vortragsvideos im Nachgang verbinden können. Frau Everard wäre ohne das Video auf YouTube nicht auf Nora gestoßen. Die beiden hätten ihre Recherchen wahrscheinlich nicht austauschen können. Selbstverständlich ist es nicht der Regelfall, dass man neue Kontakte über YouTube-Videos oder Livestreams knüpft, aber die Möglichkeiten Inhalte live zu übertragen, zu archivieren und zu teilen sind da. Man muss sie nur nutzen.

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